“Wie wird in Ihrem Coachingverständnis denn der Konstruktivismus berücksichtigt?” fragte ich einen Coach. Seine Antwort lautete sinngemäß: “Jeder Mensch hat seine eigene Landkarte, die er aufgrund seiner Wahrnehmungsvorlieben, z.B. visuell oder auditiv, konstruiert. Das berücksichtige ich als Coach. Da ich selbst als Coach ganz andere Wahrnehmungsvorlieben habe, hinterfrage ich vor meiner Analyse alle Zahlen, Daten und Fakten meines Coachee und wähle Tools aus, die zu seinen Wahrnehmungsvorlieben passen, um unser vereinbartes Ziel zu erreichen.”
Diese Aussage mutet zunächst plausibel an. Doch berücksichtigt das wirklich den Konstruktivismus?
Richtig ist: Jeder Mensch deutet seine Welt aus sich heraus (autoritär: aus der eigenen Person heraus). “Welt” ist ein allumfassender Begriff. Auf ein Thema übertragen bedeutet es, dass der Coachee alles, was aus seiner Sicht mit einem Thema zusammenhängt (systemisch), autoritär deutet und bewertet - einschließlich der Zusammenhänge. Die Hamburger Schule setzt diese Tatsache so um, dass der Coach gänzlich auf eigene Deutungen und Bewertungen verzichtet bzw. verzichten muss, da diese ebenfalls konstruktivistisch bzw. autoritär sind. Damit ist jede Diagnose oder Analyse durch den Coach tabu. Der Coach kann und darf daher nur Hypothesen bilden.
Aus Sicht der Hamburger Schule kann der Konstruktivismus im Coaching nur berücksichtigt werden, wenn der Coachee sich selbst analysieren oder diagnostizieren darf. Hierin liegt das Wesen des plakativen Begriffs “Hilfe zur Selbsthilfe”.
Sicherlich haben die NLP-Coachs Recht, wenn Sie behaupten, dass es für den Coachee förderliche und hinderliche Glaubenssätze gibt. (Axiom der Hamburger Schule: Werte, die handlungsleitend sind, aber hinsichtlich ihrer Bedeutung nicht reflektiert werden, führen zu Glaubenssätzen. Glaube ist ein Wertekontext, der nicht hinterfragt wird.) Doch wer diagnostiziert einen Glaubenssatz? Und was legitimiert einen Coach, einen Glaubenssatz zu ersetzen? NLP liefert hier eine Reihe von Methoden, um eben das zu erreichen, z.B. “walking belief exchange”. Kennzeichnend ist, dass der Coach selbst einen Glaubenssatz seines Coachee identifiziert (ähnlich einem transaktionsanalytischen Therapeuten, der “innere Antreiber” entdeckt). Stimmt der Coachee der Diagnose seines Coachs zu, wird vereinbart, eben diesen Glaubenssatz zu ersetzen. An dieser Stelle entfaltet NLP seine volle Wirkung: vom Ankern bis zu Swish-Techniken unternimmt der Coach alles, um Glaubenssätze umzuwandeln.
Bemerkenswert ist die Verantwortung, die der Coach aufgrund seiner Diagnose hier für sein Handeln übernimmt. Er repariert, er diagnostiziert, er läßt üben. Das kann für den Coach schon berauschend sein. Er greift in´s mentale Geschehen eines Menschen ein. Doch was unterscheidet den Coach hier von einem Trainer? (oder Therapeuten?)
Wäre der Konstruktivismus berücksichtigt, so würde der Coachee (s)einen Glaubenssatz selbst diagnostizieren. Dazu müßte der Coach ihm Angebote unterbreiten, die ihm eine Selbstdiagnose ermöglichen, so dass er, zurückgreifend auf seine Ressourcen, aus sich selbst heraus Alternativen entwickelt. Die Hamburger Schule verfügt hier über den Coachingprozess, das MVWK-Modell, das Kompetenzmodell und verschiedene andere wissenschaftlich legitimierte Strukturen, die dem Coachee eben das bieten.
Diagnosen, Analysen und jedwede Form der Bewertung ist autoritär. Praktiziert ein Coach auf diese Weise, kann der Konstruktivismus nicht berücksichtigt sein. Der Coach übernimmt automatisch Verantwortung für das Ergebnis und verläßt seine Prozessverantwortung. Erkenntnisse aus dem Coaching kann der Coachee nicht nutzen. Es liegt also auch keine Hilfe zur Selbsthilfe vor (Es sei denn, der Coachee lernt NLP im Coaching und kann die Methoden selbst bewerten und mental applizieren).
Was unterscheidet ein Coaching, bei dem der Coach diagnostiziert von einer Therapie?
Vom Wesen her nichts. Mit einem großen Unterschied: Ein Therapeut ist idR umfassend diagnostisch ausgebildet. Er verfügt über Diagnoseraster, die es ihm erlauben, Abweichungen, die zu einem Leiden führen, festzustellen und für seinen Patienten Strategien zu entwickeln, diesem Leiden zu begegnen.
Zum Coach wird niemand kommen, der bereits körperlich unter seiner seelischen Verfassung leidet. Wenn aber dem gesunden Menschen mit Therapie begegnet wird, so muss er wohl aus Sicht des Coachs krank sein.
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