Archive für August 2010

Äpfel sind Birnen und Birnen sind Äpfel

Soeben erreichte mich per mail eine Pressemitteilung der Zeitschrift managerSeminare mit dem Titel
“managerSeminare-Umfrage Trainingsmethoden 2010:
Coaching ist Deutschlands beliebtestes Beratungs- und Trainingsformat

(Was konkret ist in diesem Zusammenhang ein Format?)
Nach eigenen Angaben hat managerSeminare “einen Blick in den Methodenkoffer von Deutschlands Trainern geworfen und aus den Antworten ein Methoden-Ranking errechnet. (Wie hängt denn nun Methode mit Format zusammen?)
Von mangerSeminare wurde gefragt “Wie oft nutzen Sie diese Trainingsmethode?” daraus ergab sich laut der Pressemitteilung folgende Reihenfolge:

1. Coaching
2. Simulationen
3. Action Learning
4. Problembasiertes Lernen
5. Gewaltfreie Kommunikation
6. Storytelling
7. Supervision
8. Collaborative Learning
9. Großgruppenübungen
10. NLP-Methoden

Nun ist Coaching also eine Trainingsmethode (Gut, dass ich als einer der Gründer des dvct e.V. den Verband damals als Verband für Coaching UND Training angelegt habe. Nur wollte ich nie, dass alles in einen Topf geworfen wird.)

Ganz unabhängig von meiner Meinung zum Thema Coaching ist es interessant, dass Coachs am Markt mit Ausnahme des so bezeichneten “Problembasierten Lernens” alle der oben genannten “Methoden” im Einzel/Team/Gruppen-Coaching nutzen.

Schlichtweg bedauerlich ist es hier vielleicht für Coachs, die NLP-Methoden nutzen, dass Coaching die beliebteste Methode ist, NLP aber nur auf Platz 10 rangiert. Doch Coaching ist ja nach Meinung der Verfasser der Pressemitteilung eine Trainingsmethode.
Was ist denn nun der Coach? ein Trainer? ein Berater? Warum nennt er sich dann Coach?

Das Wort Trainer gab es vor einigen Jahren noch nicht. Damals hieß es Übungsleiter. Ein Verantwortlicher für den korrekten Ablauf einer Übung, die ein bestimmtes Ziel verfolgt. Heute heißt umgangssprachlich Übung Methode und der Übungsleiter ist ein Trainer. Was bleibt ist, dass ein Trainer ganz konkret ein Ziel verfolgt. Methoden sind reproduzierbare Abläufe, um eben ein konkretes Ziel zu erreichen. Doch welches Ziel verfolgt ein Trainer, wenn er eine der o.a. “Methoden” anwendet?
Jede dieser Strichaufzählungen hat ein konkretes Ziel. Wäre in der Umfrage ein Trainings (Lern-)Ziel definiert worden, so könnte die Reihenfolge legitimiert werden. Ohne dieses formulierte Ziel werden Äpfel mit Birnen verglichen. Bedauerlich für all die, die diese “Methoden” zur Erreichung eines konkreten Ziels nutzen und sich so vielleicht abgewertet fühlen.

Versöhnlich stimmte mich dann doch eine Aussage von Frau  Bußmann: “Als ein sehr selbstgesteuertes Format gilt das Problembasierte Lernen als eine der Lernformen, die in einer angestrebten Kultur des lebenslangen Lernens noch wichtiger werden könnte.” (”Ausgehend von einer konkreten Problemstellung erarbeitet der Lerner weitgehend eigenständig Lernziele und entsprechende Lernwege.”) Ist das “Hilfe zur Selbsthilfe, wenn ein Mensch so etwas dann eigenständig kann?
Diese Aussage kommt der Theorie vom Selbstorganisierten Coaching der Hamburger Schule schon recht nahe. Möglicherweise mag ein Magazin darunter nicht Coaching verstehen, da der Begriff “Lernen” enthalten ist.

Ich verstehe auch, dass managerSeminare zum Thema Coaching keine eigene Meinung entwickeln mag, da der Markt des Magazins o.a. Verständnis hat und eine differenziertere Meinung unweigerlich zum Verlust von Lesern führen könnte. So werden dann wohl weiterhin Äpfel mit Birnen verglichen. Ganz ähnlich der Marburger Studie zum Thema Coaching.

Rechtsphilosophie

Nur eine approbierte Person darf eine Diagnose stellen. Das kann ein Arzt, Therapeut oder auch psychologischer Berater (nach HPG) sein - Rechtlich entscheidend ist, dass diese Diagnosen Krankheiten betreffen.

Ein Coach, der autoritär, dass heißt beratend arbeitet, muss sich demzufolge immer auf das Terrain der “(Prozeß-) Begleitung” zurückziehen, da es ihm, sofern er nicht approbiert ist, verboten ist, zu diagnostizieren. Er darf alles feststellen, solange er nicht eine Krankheit feststellt.

Nun ist Krankheit ja nicht das Fehlen von Gesundheit. wiki definiert Krankheit wie folgt: “Störung oder Einschränkung der normalen körperlichen und/oder seelischen Funktionen; das Kranksein bzw. …. ist die Störung der Funktion eines Organs, der Psyche oder des gesamten Organismus.”
Wenn ein Coach einen Glaubenssatz “diagnostiziert” und vorschlägt, diesen Glaubenssatz zu entfernen oder durch einen “förderlichen” zu ersetzen - geht er da nicht von einer Störung oder Einschränkung der normalen seelischen Funktionen aus? Oder beziehen sich diese Einschränkungen grundsätzlich auf ein damit einher gehendes Leiden?

Es ist wahrscheinlich, dass bei einem gesunden Menschen eine Störung diagnostiziert wird.

Wenn sich, wie viele behaupten, Coaching aus der Therapie herleitet und Coachausbildungen eindeutig auf ihre Verwandschaft mit lösungsorientierter Kurzzeittherapie, Transaktionsanalyse oder NLP hinweisen, so geht damit in der Regel ein diagnostisches Vorgehen einher. Da aber keine Krankheit (wörtlich) diagnostiziert wird, ist ein solches Vorgehen rechtlich (noch) unbedenklich.
Der Grat ist schmal. Mal ist ein innerer Antreiber ursächlich für eine Krankheit verantwortlich - mal schränkt sie nur erfolgreiches Verhalten ein. Wer aber beurteilt das? Für Krankheiten gibt es die ICD. Für erfolgreiches Verhalten haben viele Coachs ihr ganz eigenes Verständnis. Doch immer dann, wenn der Coach bewertet, ob etwas förderlich oder hinderlich ist, begibt er sich in eine rechtliche Grauzone.
Da autoritäres Coaching offiziell unter “Beratung” oder “Prozessbegleitung” firmiert, wird diese Grauzone literarisch umschifft.

Vielleicht ist die Fraktion der Coachs, die unter Coaching Training versteht dann doch die angenehmere. Sie verzichtet zur Gänze auf “Diagnosen” und arbeitet munter autoritär drauflos. Das ist zumindest rechtlich unbedenklich.

Was die Ideen und Ansätze des autoritären Coaching eint, ist die konsequente Vernachlässigung des Grundgesetzes (allgemeines Persönlichkeitsrecht aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. 1 Abs. 1 GG - siehe auch http://hamburger-schule.net/ausbildung/rechtsgrundlagen.htm ).

Dabei könnte alles viel einfacher sein. Wenn der Coachee sich selbst “diagnostizieren” kann und der Coach gänzlich auf jedwede Form der Diagnose verzichtet. Dafür steht die Hamburger Schule.

Zu guter Letzt noch ein Aspekt, der eine besondere Relevanz für Unternehmen haben kann, die Coaching als Dienstleistung einkaufen (bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht als Rechtsgelehrter formuliere, sondern in diesem blog nur meine Gedanken zum Ausdruck bringe):
Personalentwicklung ist an das Bertriebsverfassungsgesetz gebunden. Ein autoritäres Verständnis von Coaching kann einer Berufsbildungsmaßnahme entsprechen und zwingt damit zur Berücksichtigung des BetrVG. Glücklicherweise ist Coaching kein Begriff, der rechtlich erfaßt ist. Doch sollte der Beriebsrat einmal autoritäres Coaching als Berufsbildungsmaßnahme verstehen, dann kann der Paragraph 97 oder 98 ganz interessant werden.

Autonomes Coaching, so wie es die Hamburger Schule versteht, kann nie einer Berufsbildungsmaßnahme entsprechen, da es keinen bildenden oder erzieherischen Charakter verfolgt oder in irgendeiner Weise auf einen Betroffenen einwirken will. Es geht in einem Thema um selbstorganisierte Wahrnehmungserweiterung, Entscheidungsfähigkeit und Verhaltensalternativen und eben nicht um fremdorganisiertes Lernen wie bei einer Berufsbildungsmaßnahme.

Und alles ist systemisch-konstruktivistisch

“Wie wird in Ihrem Coachingverständnis denn der Konstruktivismus berücksichtigt?” fragte ich einen Coach. Seine Antwort lautete sinngemäß: “Jeder Mensch hat seine eigene Landkarte, die er aufgrund seiner Wahrnehmungsvorlieben, z.B. visuell oder auditiv, konstruiert. Das berücksichtige ich als Coach. Da ich selbst als Coach ganz andere Wahrnehmungsvorlieben habe, hinterfrage ich vor meiner Analyse alle Zahlen, Daten und Fakten meines Coachee und wähle Tools aus, die zu seinen Wahrnehmungsvorlieben passen, um unser vereinbartes Ziel zu erreichen.”
Diese Aussage mutet zunächst plausibel an. Doch berücksichtigt das wirklich den Konstruktivismus?
Richtig ist: Jeder Mensch deutet seine Welt aus sich heraus (autoritär: aus der eigenen Person heraus). “Welt” ist ein allumfassender Begriff. Auf ein Thema übertragen bedeutet es, dass der Coachee alles, was aus seiner Sicht mit einem Thema zusammenhängt (systemisch), autoritär deutet und bewertet - einschließlich der Zusammenhänge. Die Hamburger Schule setzt diese Tatsache so um, dass der Coach gänzlich auf eigene Deutungen und Bewertungen verzichtet bzw. verzichten muss, da diese ebenfalls konstruktivistisch bzw. autoritär sind. Damit ist jede Diagnose oder Analyse durch den Coach tabu. Der Coach kann und darf daher nur Hypothesen bilden.
Aus Sicht der Hamburger Schule kann der Konstruktivismus im Coaching nur berücksichtigt werden, wenn der Coachee sich selbst analysieren oder diagnostizieren darf. Hierin liegt das Wesen des plakativen Begriffs “Hilfe zur Selbsthilfe”.

Sicherlich haben die NLP-Coachs Recht, wenn Sie behaupten, dass es für den Coachee förderliche und hinderliche Glaubenssätze gibt. (Axiom der Hamburger Schule: Werte, die handlungsleitend sind, aber hinsichtlich ihrer Bedeutung nicht reflektiert werden, führen zu Glaubenssätzen. Glaube ist ein Wertekontext, der nicht hinterfragt wird.) Doch wer diagnostiziert einen Glaubenssatz? Und was legitimiert einen Coach, einen Glaubenssatz zu ersetzen? NLP liefert hier eine Reihe von Methoden, um eben das zu erreichen, z.B. “walking belief exchange”. Kennzeichnend ist, dass der Coach selbst einen Glaubenssatz seines Coachee identifiziert (ähnlich einem transaktionsanalytischen Therapeuten, der “innere Antreiber” entdeckt). Stimmt der Coachee der Diagnose seines Coachs zu, wird vereinbart, eben diesen Glaubenssatz zu ersetzen. An dieser Stelle entfaltet NLP seine volle Wirkung: vom Ankern bis zu Swish-Techniken unternimmt der Coach alles, um Glaubenssätze umzuwandeln.
Bemerkenswert ist die Verantwortung, die der Coach aufgrund seiner Diagnose hier für sein Handeln übernimmt. Er repariert, er diagnostiziert, er läßt üben. Das kann für den Coach schon berauschend sein. Er greift in´s mentale Geschehen eines Menschen ein. Doch was unterscheidet den Coach hier von einem Trainer? (oder Therapeuten?)
Wäre der Konstruktivismus berücksichtigt, so würde der Coachee (s)einen Glaubenssatz selbst diagnostizieren. Dazu müßte der Coach ihm Angebote unterbreiten, die ihm eine Selbstdiagnose ermöglichen, so dass er, zurückgreifend auf seine Ressourcen, aus sich selbst heraus Alternativen entwickelt. Die Hamburger Schule verfügt hier über den Coachingprozess, das MVWK-Modell, das Kompetenzmodell und verschiedene andere wissenschaftlich legitimierte Strukturen, die dem Coachee eben das bieten.

Diagnosen, Analysen und jedwede Form der Bewertung ist autoritär. Praktiziert ein Coach auf diese Weise, kann der Konstruktivismus nicht berücksichtigt sein. Der Coach übernimmt automatisch Verantwortung für das Ergebnis und verläßt seine Prozessverantwortung. Erkenntnisse aus dem Coaching kann der Coachee nicht nutzen. Es liegt also auch keine Hilfe zur Selbsthilfe vor (Es sei denn, der Coachee lernt NLP im Coaching und kann die Methoden selbst bewerten und mental applizieren).
Was unterscheidet ein Coaching, bei dem der Coach diagnostiziert von einer Therapie?
Vom Wesen her nichts. Mit einem großen Unterschied: Ein Therapeut ist idR umfassend diagnostisch ausgebildet. Er verfügt über Diagnoseraster, die es ihm erlauben, Abweichungen, die zu einem Leiden führen, festzustellen und für seinen Patienten Strategien zu entwickeln, diesem Leiden zu begegnen.
Zum Coach wird niemand kommen, der bereits körperlich unter seiner seelischen Verfassung leidet. Wenn aber dem gesunden Menschen mit Therapie begegnet wird, so muss er wohl aus Sicht des Coachs krank sein.

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