- Die Hamburger Schule - http://blog.hamburger-schule.net -

Macht NLP schlau?

Dieser Eintrag stammt von Axel Janßen Am 26.4.2010 @ 16:30 In Allgemein | Keine Kommentare

Mein vorangegangener blog-beitrag beschäftigte sich mit einem Artikel in der Xing-Gruppe “Coaching”. Mit viel Vergnügen konnte ich feststellen, dass die Reihe der Newsletter fortgesetzt wird. Veröffentlicht von Elke Antwerpen schreibt diesmal  Anja Myrdal über NLP.

Zitat Anja Myrdal: “Übrigens, ein Coach DVNLP verfügt über ein Mindestvolumen von 390 Ausbildungsstunden als Zeitstunden, verteilt auf mindestens 54 Ausbildungstage.”

Doch zum Thema:
Schon die ersten Zeilen bringen es auf den Punkt: “… weil NLP nicht eine einzelne Methode beinhaltet, sondern ein ganzes Bündel verschiedener Techniken und Interventionen”. Direkt im Anschluss daran folgende Beschreibung: “NLP wurde in den 70er Jahren von dem Mathematiker Richard Bandler und dem Linguisten John Grinder als Kommunikationsmodell entwickelt.”
Zusammengefaßt heißt das für mich, dass NLP ein Modell ist, dass sich als Bündel von Techniken und Interventionen darstellt. Zum Erlernen benötigt es 390h.

Richtig spannen wird die Frage: “Wodurch wirkt NLP?” beantwortet:
“N für Neuro, bezeichnet für die sinnliche Wahrnehmung, das L steht für Linguistik, für den sprachlichen Ausdruck und P steht für Programmieren, für die Verhaltensmuster und Lernprozesse. Diese drei Bereiche fanden Einfluss in die jeweiligen Formate. Wenn ein solches Format in seiner Gänze angewendet wird, ist es in der Regel möglich genau so gute Resultate zu erzielen, wie die jeweiligen Personen, da es nicht mehr um die Inhalte geht, sondern um die Struktur des Veränderungsprozesses oder aber der Handlungsabläufe bzw. den Handlungsablauf.”  Wohlgemerkt, es geht hier um “Modelling”. Personen, die subjektiv erwünschte Eigenschaften aufweisen, werden nachgeahmt (modelliert). Beste Behaviouristische Tradition, die mit der systemisch-konstruktivistischen Sichtweise der Hamburger Schuile nichts gemein hat. Selbstlernen und Nachahmen verhalten sich so, als ob (eine beliebte NLP-Intervention… die als-ob-Technik ;-)) Freiheit auf Einschränkung trifft. In welchem Zusammenhang die Struktur des Veränderungsprozesses nun zum Format steht, wird sich mir wohl nicht offenbaren. Zusammengefaßt:Nachahmen wird strukturiert, Inhalte werden eliminiert. Das Ganze Format genannt und als Ganzes angewandt. Schon bist Du so erfolgreich wie die Größten im Land. Gänzlich unklar ist, was die Autorin als Inhalt versteht. Vermutlich heißt es, nicht genauso wie die “Modellperson” machen und nachahmen, sondern nur den Ablauf merken. Denn der kann ja in jedwedem Kontext durch beliebige Personen angewandt werden.
Nebenbei stellt sich mir die Frage, wenn NLP es doch ermöglicht, supererfolgreich durch Nachahmen zu sein, dann müßte doch irgendwo einer der DVNLP Coaches nur den erfolgreichsten Coach der Welt nachahmen und schon wäre er der erfolgereichste Coach in der uns bekannten Welt. Doch vielleicht ist das Frau Myrdal ja. Meinen Glückwunsch. Um zur Frage zurückzukommen. Wodurch wirkt NLP? NLP wirkt durch Nachahmen von Leuten, die subjektiv erfolgreich sind.
Und da es so viel Nachahmenswertes gibt, gibt es ein “Bündel verschiedener Techniken und Interventionen” Oder habe ich jetzt etwas falsch verstanden?

Doch der Newsletter gibt sein Crescendo erst zum Schlussmit der Frage: “Was ist, wenn es angewendet wird?”
Wenn NLP angewendet wird, dann ergibt sich für denjenigen die Möglichkeit exzellente Ergebnisse zu erzielen und auf sehr effektive Art und Weise Veränderungen herbeizuführen, und zwar in den Bereichen der Verhaltensmuster, der Einstellungen und der Werte.”
Das heißt also a) Es muss nicht funktionieren, es gibt nür die Möglichkeit, dass es funktioniert und b) wenn der Coach der ist, der NLP anwendet, dann erzielt er exzellente Ergebnisse (er kann also fröhlich drauflos manipulieren oder programmieren) oder c) Jeder kann´s selbst anwenden und hat dann exzellente Ergebnisse… wenn NLP angewendet wird. (Neulich sah ich eine Raumschiff-Orion Folge, da gab es eine Waffe gegen die Frogs, die nannte sich “Overkill”. Wenn Overkill angewandt wird, dann …) Doch, wie tröstlich, es werden Veränderungen herbeigeführt in den “Bereichen der Verhaltensmuster, der Einstellungen und der Werte.” Wenn ich jemanden nachahme, wird das wohl auch nicht anders gehen. (Nebenbei bemerkt ist hier wohl die diagnostische Sichtweise von NLP gemeint, die Verhalten rein auf das Vorhandensein von Glaubenssätzen (beliefs) zurückführt, die wiederum durch Wahrnehmung entstanden sind (visuell, auditiv, kinästhetisch, ofaktorisch, gustatorisch). Wird duch den Coach ein Glaubenssatz als hinderlich diagnostiziert, wird er wegprogrammiert und durch einen subjektiv Besseren ersetzt. - wie gesagt 390 Ausbildungsstunden Waffenkunde NLP.) Den Beleg liefert die Verfasserin im selben Absatz: “Negative Emotionen aus dem Bereich der Erinnerung können neutralisiert werden.” - Overkill?
Doch ist das ja alles nicht so schlimm. Viel braucht der NLP Anwender ja nicht für eine Hypothesenbildung.  “Er benötigt diese Informationen nicht, um den Coachee zu seinem Ziel zu führen.” weiß die Autorin. “zu seinem Ziel zu führen” dieses Satzfragment sagt aus, dass der Coachee das nicht alleine kann und Hilfe braucht. Hilfe zur Selbsthilfe. Erstmal führe ich ihn hin. Dann ist er da und hat sich selbst geholfen. Für mich liegt in der Aussage “zu seinem Ziel führen” ein Menschenbild versteckt, dass es dem Menschen nicht zutraut das selber zu machen.

“… wenn jemand nicht in der Lage ist mit seinem Coachee empathisch und mit dem Herzen in Verbindung zu sein. Dann bleibt es (NLP) eine reine Technik.” Ich denke, es ist ein Modell? oder ein Bündel? Doch verständlich, dass ich mit dem Herzen in Verbindung stehen muss. Ehrlich gesagt würde ich mich nicht programmieren lassen, wenn´s nicht von Herzen käme. Nun kennnen die NLP Anwender ja auch denm Begriff Assoziation. Kann es sein, dass Frau Myrdal mit dem Inhalt, der sich durch den Coachee ausdrückt, assoziiert, d.h. mit dem Herzen dabei ist? Eine wahre Philantrophin.
In einer Ausbildung nach der Hamburger Schule wird ein hohes Mass an Zeit aufgewandt, damit der Coach persönliche Kompetenz erwirbt. Er eben nicht assoziiert ist, sondern seinen Kopf frei hat für die Prozessverantwortung und eine fundierte Hypothesenbildung. Gelacht werden darf im Coaching trotzdem.
Nun deucht mir NLP so wie die Overkill-Waffe, die übers “Herz” gesteuert wird. Wenn das nicht ein Verkaufsschlager ist. Wer will schon den Verstand einsetzen? Gibt doch NLP.

Frau Myrdal lädt ein, eine eigene Meinung zu haben. Sie nennt das Landkarte und beruhigt mit den Worten: “Da NLP so vielschichtig ist, sieht jeder, der professionell NLP anwendet, dies vielleicht noch ein wenig anders, und wie das so ist mit guten Landkarten, ist die Landkarte nicht das Gebiet.”
Ich denke oder dachte aufgrund meiner Landkarte, dass Professionalität nur aufgrund von beschriebenen Anforderungen möglich ist. Das eine professionelle Anwendung von NLP auch in der Beliebigkeit möglich ist, ist mir neu. Doch modelliere ich ja auch niemanden und bin ganz normal doof.

Schlussbemerkung: NLP hat z.T. sehr wirksame Verfahren zur Programmierung entwickelt, die sich aus den unterschiedlichsten Anleihen bei verschiedensten Therapieformen bedienen. Von daher betrachte ich NLP eher dem therapeutischen Kontext zugehörig. Ein ausgebildeter Theapeut macht eine ausführliche Anamnese (Diagnose) und schränkt Verhalten nicht auf Glaubenssätze ein. Aus diesen Ressourcen heraus kann er  NLP-Interventionen bewerten und auswählen.
Coaching ist weder Therapie noch therapienah, da Selbststeuerung und Ressourcenverfügung des Coachee Voraussetzung für Coaching sind. Wird NLP durch Coachs genutzt, so besteht ausdrücklich die Gefahr, dass ohne entsprechende therapeutische Ausbildung therapiert wird. Damit liegt nicht nur eine rechtliche Relevanz vor. Die “Waffe” NLP lädt zur Manipulation ein und besitzt damit das Potenzial große Teile des Marktes für das Thema Coaching zu verbrennen.
Je besser sich die schreibende Zunft mit dem Thema Coaching und dem Thema NLP auskennt, desto wahrscheinlicher wird es, dass vielleicht auch mal die FAZ über “Gefahren durch NLP” berichtet.


Dieser Artikel wurde ausgedruckt ab Die Hamburger Schule: http://blog.hamburger-schule.net

URL zum Artikel: http://blog.hamburger-schule.net/2010/04/26/macht-nlp-schlau/

Klicken hier zum Drucken.