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Die wundervolle Welt der Normen, Standards, Werte und der Qualität
Dieser Eintrag stammt von Axel Janßen Am 9.3.2010 @ 17:09 In Allgemein | Keine Kommentare
Problem Nr. 1 - Die Ethik
In Berichten zum Thema Coaching wird periodisch auf das Verlangen des Marktes nach Normen, Standards, Werten und Qualität im Coaching gerufen. Der Ruf wird mit einem Interesse der Nachfrager an Orientiering erklärt.
Der verbandlich organisierte Teil der Coachingszene debattiert im roundtable der Coachingverbände zu dem der
BDP - Bund Dt. Psychologinnen und Psychologen, Sektion Coaching in Wirtschafts- und Organisationpsychologie
BDVT - Berufsverband für Trainer, Berater und Coaches
DBVC - Deutscher Bundesverband Coaching
DCV - Deutscher Coaching-Verband
DGSv - Deutsche Gesellschaft für Supervision
dvct - Deutscher Verband für Coaching und Training
EMCC - European Mentoring and Coaching Council
ICF - International Coaching Federation, Sektion Deutschland
QRC - Qualitätsring Coaching
SG - Systemische Gesellschaft
gehören.
Die Diskussion war bisher ergebnislos und wurde von der ICF erneut aufgenommen. Sie kündigte schon im Herbst vergangenen Jahres eine Initiative im Round Table der Coaching-Verbände an. Die Deutschen Verbände sollen sich ähnlich der britischen Verbände auf gemeinsame Standards einigen.
Die Briten hatten die Diskussion aufgenommen und sich verbandsübergreifend auf gemeinsame Professionswerte geeinigt. Das „Statement of Shared Professional Values“ enthält ein Meta- und sieben einzelne Prinzipien:
Mit einem Blick auf die Ethik der Hamburger Schule, die auch vom dvct verfolgt wird, erübrigt sich eine Diskussion der Ethik, da hohe Übereinstimmungen vorliegen. Historisch gesehen ist es vielleicht interessant, dass die Ethik der Hamburger Schule (www.hamburger-schule.net) bereits vor 3 Jahren dem roundtable vorgestellt wurde, sie aber gänzlich unberücksichtigt blieb.
Eines ist aber doch interessant daran:
“Klienten-Zentriertheit: Jeder Klient wird als kreativ, reich an Ressourcen und ganzheitlich wahrgenommen.Die Aufgabe des Coachs ist es, den Klienten in seiner Entwicklung zu unterstützen; zu diesem Ziel sind alle nötigen Hilfestellungen zu leisten.”
Heißt es, dem Coach ist ethisch erlaubt, wirklich alles zu tun solange es den Klienten in seiner Entwicklung unterstützt? Wie verträgt sich das mit dem Menschenbild des kreativen, reich an Ressourcen seienden Menschen? Wenn er doch so reich an Ressourcen ist, was machen dann Hilfestellungen im Coaching? Da muss doch dann eine Ressource fehlen, sonst würde er nicht alle nötigen Hilfestellungen bekommen.
Das Problem mit diesen ethischen Formulierungen ist, dass sich diese Formulierung dann eben nicht an Werten orientiert. Wenn ich dem Coachee zutraue, dass er alle Ressourcen für eine Veränderung in sich trägt, dann muss gefragt werden, was es bedeutet, einen Menschen in seiner Entwicklung zu unterstützen. Dieser Wert “Ressourcenverfügbarkeit”, den auch die Hamburger Schule verwendet, bedeutet, dass ich dem Coachee zutraue selbst sein Veränderungsthema zu erkennen, ein Ziel zu formulieren und eine Strategie abzuleiten. In der Konsequenz heißt das, dass ich ihm dann lediglich beim Denken helfen kann. Was nötig ist, darüber entscheidet der Coachee.
Besonders problematisch ist die Sicht auf das Wort “Entwicklung”. Wird es so verstanden, dass der Coach den Coachee entwickelt, was vermutlich der Fall ist, so wird der Wert Ressourcenverfügbarkeit nicht beachtet. Die britische Ethik widerspricht sich selbst und ist damit wohl irrelevant.
Die Hamburger Schule (www.hamburger-schule.net) definiert Werte als Orientierung für Verhalten. Eben das leistet eine Ethik. Sie ist ein Orientierungsrahmen für (ethisches) Verhalten derer, die sich dieser Ethik verpflichtet fühlen.
Eine Ethik leistet immer einen Beitrag zur Professionalität. Da sie jedoch nur den Rahmen zur Orientierung schafft, ist es dem Einzelnen überlassen, sich selbst zu organisieren. Sind die Werte der Ethik wenig trennscharf formuliert, so finden sich auch viele Phantasien für Verhalten wieder. Die Ethik der Briten ist so formuliert, dass hier jedweder Coachingansatz und jedwedes Verständnis von Coaching Platz hat. Politisch gesehen ist das wichtig, da alle Verbandsmitglieder sich in ihrer Heterogenität darin wiederfinden sollen. Und so kommt es, dass der derzeitige Stand der ethische Diskussion wirklich nur den kleinsten gemeinsamen Nenner aufgreift.
Ein Wert, der für die Hamburger Schule (www.hamburger-schule.net) von immenser Bedeutung ist, wird bewußt nicht diskutiert: FREIHEIT. Freiheit bedeutet, den Coachee selbst entscheiden zu lassen, was er verändern will und wie er es tut. Jede Form der Entwicklung aus Sicht des Coachs ist damit tabu. Nur der Coachee selbst kann sich diagnostizieren. Alles andere ist ein Eingriff in diese Freiheit. Und wenn ein Coach seinen Coachee diagnostiziert und ihm ein Veränderungsziel vorschlägt und ihn dahingehend entwickelt, so ist das autoritär und eben nicht an einem Wert Freiheit orientiert.
Mit wenigen Ausnahmen sind daher die meisten Coachinansätze autoritär. Ethische Entwürfe der Anhänger dieser Ansätze werden höchstwahrscheinlich nie einen Wert FREIHEIT definieren.
Ich glaube, den Coachingverbänden wird es nicht gelingen, sich auf ein freiheitliches Menschenbild zu einigen, das ja ganz gut aus dem Grundgesetz bekannt ist. Das Vorherrschen autoritärer Ansätze bei denen der Coach weiß, was gut für seinen Coachee (… die Entwicklung) ist, wird das zu verhindern wissen.
Dieser Wert würde eine Umorientierung bedeuten, eine Abkehr von Beratung. Und solange bekannte Verände wie der DBVC Coaching als Beratung definieren wird sich da wohl nichts ändern.
Da auf der ethischen Ebene das Menschenbild nicht definiert ist, kann eine Diskussion über Normen und Qualität auch nicht erfolgen. Es fehlt schlichtweg eine brauchbare ethische Grundlage. Professionswerte sind richtig - müssen aber Orientierung für professionelles Verhalten im Thema bieten auf Basis eines Menschenbildes. Freiheit ist ein Persönlichkeitsrecht. Für einen Coach bedeutet das, dass er sich in all seinem Tun daran zu orientieren hat.
Problem Nr. 2 - Die Definition
Nachwievor wird unter Coaching einerseits Beratung, andererseits “Hilfe zur Selbsthilfe” verstanden.
Über Beratung lohnt es sich nicht zu diskutieren. Wer unter Coaching Beratung versteht, der soll es so nennen, dann kann er sich an den vorhandenen Empfehlungen, z.B. des BDU orientieren. Was allerdings konkret unter “Hilfe zu Selbsthilfe” verstanden wird, gilt es zu definieren. Auch hier wird vielleicht deutlich, dass die Diskusssion vom Menschenbild nicht trennbar ist.
Wenn das geschehen ist, ist zu definieren, was ein Coachingansatz ist (nach Hamburger Schule: Wirkungserwartung an das Coaching) und dann kann induktiv geprüft werden, welche Ansätze dem was Coaching erreichen will, also dem Ziel des Themas, gerecht werden. Oder es wird deduktiv vorgegangen und aus dem Ziel der Ansatz abgeleitet. Zwangsläufig ergibt sich dann die Erkenntnis, was ein Prozess im Coaching leisten muss und wie Verantwortungen aufzuteilen sind.
Zukünftige Normen können lediglich den Coachingprozess untersuchen und ggf. normieren. Voraussetzung ist ein klares Verständnis von Coaching. Der Prozess ist Teil des wertegedeuteten Kontext, der sich Coaching nennt. Und wenn ein Wert FREIHEIT lautet, fällt Beratung damit schon einmal aus.
Das es in Deutschland eine DinNorm für Verhalten gibt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Das wird eine Ethik leisten müssen. Bestandteil einer Ethik müssen immer die Persönlichkeitsrechte eines Menschen sein.
Und wenn das alles erledigt ist, kann es sein, dass so etwas wie die Hamburger Schule (www.hamburger-schule.net) dabei rauskommt.
Da zu viele Einzelinteressen sich im Thema Coaching vereinigen wollen, werden die Verbände das nicht schaffen, da sie sich dann Konflikten aussetzen und sich von Mitgliedern trennen müssen. Eine Einigung ist nur auf sehr hoher Abstraktionsebene möglich. Daraus kann sich Qualität jedoch schlecht entwickeln.
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