Potenzial ist das, was der Coach darunter versteht

Habe ich einen Diamanten in mir, den der Coach nur zu bergen braucht, damit ich zu vollem Glanz erstrahle?
Mein Coaching bringt ihr Potenzial zum Vorschein.
Wozu brauche ich das?
Jede der werblichen Behauptung einer Coacherin löste jüngst in mir mehr Verwunderung als Bewunderung für die sympathische Person aus. Ihre gesamte Körpersprache unterstrich das, woran sie glaubte. Die Stimmung schwankte, als ich das automatische “Du” nicht annahm. Die Frage, was sie denn unter Potenzial verstehe, ist nachwievor unbeantwortet und wird es wohl auch bleiben.
Wer ein wenig Freude an Verwirrung hat, der stelle einfach einem Potenzial Coach dieselbe Frage. Ich habe das Gefühl, Coachs möchten nur zu gern aus dem Saulus einen Paulus machen.

Vereinfacht gesagt, ist Potenzial das Vermögen, etwas Bestimmtes zu können bzw. erreichen zu können. Voraussetzungen dafür sind eine “gewisse Form der intellektuellen Belastbarkeit” (Das Konzept der mulitiplen Intelligenzen nach Gardner liefert hier gute Hinweise zum Nachdenken, die eigenen Antriebe und Werte, Methoden und Mittel, (motorische Fähigkeiten) und ein Kontext, der als so attraktiv empfunden wird, dass sich Potenzial überhaupt entfalten kann.
Ein Unternehmen will, dass sich die Investition in eine Führungskraft rentiert. Psychometrische Testverfahren bewerten zuvor definierte Leistungsmerkmale im Sinne der Anforderungen, die ein Unternehmen an die Führungskraft hat. Ein Unternehmen hat notwendigerweise eine sehr subjektive Sicht auf das Thema Potenzial. Der Potenzialträger eines Dax-Unternehmens wird sich höchstwahrscheinlich in einer Behörde nicht wohl fühlen. Adios Potenzial.
Die Gefahr liegt nun darin, dass Coachs, ähnlich wie o.a. Unternehmen, ein konkretes Bild von Potenzial - der Diamant - haben, es also bewerten. Natürlich muss das alles ganz positiv sein. Den Diamanten gibt es ja. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass hier eher im Sinne von “positiver Verstärkung” gearbeitet wird, um einen Coachee zu haben, der genauso ist, wie man selbst, als dass der Begriff Potenzial auf eine seriöse Grundlage gestellt wird.
Der Coachee und nur der Coachee selbst ist in der Lage, sein Potenzial zu bewerten. Damit das klappt, macht ein Coach Reflexionsangebote. Dafür muss er leider Wissen über Potenzial haben.
Ich plädiere dafür, dass sich alle selbsternannten Glücksbringer einfach Trainer nennen oder Berater. Das ist dann wenigstens etwas zutreffender als “Coach”.

2 Antworten auf “Potenzial ist das, was der Coach darunter versteht”

  1. ualbrecht sagt:

    Hallo Herr Janßen,

    Ihr Beitrag hat mich angesprochen. Ich persönlich habe auch ein schlechtes Gefühl, wenn ein Coach darüber die Deutungshoheit beanspruchen möchte, welches Potenzial ich habe oder - einfacher ausgedrückt, wofür ich begabt bin.

    Das möchte ich schon gerne selbst entscheiden und für mich bewerten.

    Mir gefällt auch nicht die Haltung dieser Coachs, die Sie beschrieben haben - ich meine diejenigen, die den Diamanten in dem Coachee sehen und ihn “hervorholen” wollen, wofür sie sich natürlich anständig bezahlen lassen ;-).

    Es ist so, als sendeten sie an ihren Coachee die Botschaft: “Du weißt nicht, was du kannst - ich als der Spezialist für Psychologie muss es dir sagen”. Dadurch kann in der Coachingbeziehung ein Hierarchiegefälle entstehen. Der Coach lebt dadurch sein Eltern-Ich aus und der Coachee wird irgendwie dahingelenkt, sein Kind-Ich zu leben.

    In meiner Arbeit - ich berate Bewerber und nenne mich übrigens Bewerbungsberaterin und nicht Coach - erlebe ich es oft, dass meine Kunden nicht mehr so genau wissen, was sie können - sei es durch Anfeindungen von Seiten der lieben Kollegen oder durch Bossing. Möchten sie sich bewerben, dann fragen sie mich teilweise, ob sie sich die Stelle zutrauen können à la “Was meinen Sie, Frau Albrecht, kann ich mich da bewerben?”

    Obwohl ich mich Beraterin nenne, gebe ich da keinen Tipp, sondern zur Anregung eine Übung. Die besteht darin, die in der Stellenanzeige aufgeführten Anforderungen mit konkreten Beispielen aus der Berufspraxis zu belegen.

    Das Ergebnis: Die Bewerber finden dann von ganz alleine heraus, ob sie sich die Stelle zutrauen oder sie noch eine Nummer zu groß für sie ist.

    Meine Erfahrung: Ratsuchende/Coachees sind schon in der Lage, ihr Potenzial zu bewerten, doch manchmal fehlt ihnen die Distanz dazu, da sie teilweise verunsichert und etwas aufgeregt sind, wenn sie sich von anderen negativ bewertet fühlen. In dieser Situation wächst schon das Bedürfnis nach einem “Coach”, der sagt: “Du bist toll, du hast ein enormes Potenzial, du musst dir nur mehr zutrauen!” Langfristig bringt sie ein Coaching mit einem solchen “Coach” persönlich nicht weiter, denke ich mal.

    Viele Grüße,

    Ute Albrecht

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