Archive für 13.8.2009

Potenzial ist das, was der Coach darunter versteht

Habe ich einen Diamanten in mir, den der Coach nur zu bergen braucht, damit ich zu vollem Glanz erstrahle?
Mein Coaching bringt ihr Potenzial zum Vorschein.
Wozu brauche ich das?
Jede der werblichen Behauptung einer Coacherin löste jüngst in mir mehr Verwunderung als Bewunderung für die sympathische Person aus. Ihre gesamte Körpersprache unterstrich das, woran sie glaubte. Die Stimmung schwankte, als ich das automatische “Du” nicht annahm. Die Frage, was sie denn unter Potenzial verstehe, ist nachwievor unbeantwortet und wird es wohl auch bleiben.
Wer ein wenig Freude an Verwirrung hat, der stelle einfach einem Potenzial Coach dieselbe Frage. Ich habe das Gefühl, Coachs möchten nur zu gern aus dem Saulus einen Paulus machen.

Vereinfacht gesagt, ist Potenzial das Vermögen, etwas Bestimmtes zu können bzw. erreichen zu können. Voraussetzungen dafür sind eine “gewisse Form der intellektuellen Belastbarkeit” (Das Konzept der mulitiplen Intelligenzen nach Gardner liefert hier gute Hinweise zum Nachdenken, die eigenen Antriebe und Werte, Methoden und Mittel, (motorische Fähigkeiten) und ein Kontext, der als so attraktiv empfunden wird, dass sich Potenzial überhaupt entfalten kann.
Ein Unternehmen will, dass sich die Investition in eine Führungskraft rentiert. Psychometrische Testverfahren bewerten zuvor definierte Leistungsmerkmale im Sinne der Anforderungen, die ein Unternehmen an die Führungskraft hat. Ein Unternehmen hat notwendigerweise eine sehr subjektive Sicht auf das Thema Potenzial. Der Potenzialträger eines Dax-Unternehmens wird sich höchstwahrscheinlich in einer Behörde nicht wohl fühlen. Adios Potenzial.
Die Gefahr liegt nun darin, dass Coachs, ähnlich wie o.a. Unternehmen, ein konkretes Bild von Potenzial - der Diamant - haben, es also bewerten. Natürlich muss das alles ganz positiv sein. Den Diamanten gibt es ja. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass hier eher im Sinne von “positiver Verstärkung” gearbeitet wird, um einen Coachee zu haben, der genauso ist, wie man selbst, als dass der Begriff Potenzial auf eine seriöse Grundlage gestellt wird.
Der Coachee und nur der Coachee selbst ist in der Lage, sein Potenzial zu bewerten. Damit das klappt, macht ein Coach Reflexionsangebote. Dafür muss er leider Wissen über Potenzial haben.
Ich plädiere dafür, dass sich alle selbsternannten Glücksbringer einfach Trainer nennen oder Berater. Das ist dann wenigstens etwas zutreffender als “Coach”.

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